Durch meine zahlreichen Reisen in Japan hatte ich es mir angewöhnt, in jeder Stadt von mindestens einem Schrein oder Tempel jeweils einen Talisman (omamori お守り) als Souvenir zu kaufen. Auch wenn das für den himmlischen Schutz sehr vorteilhaft war, bei bis zu 1000 Yen pro Talisman konnte es auch ziemlich ins Geld gehen. Daher war es mir ganz Recht, dass mir vor kurzem etwas ins Blickfeld geraten ist, was mindestens genauso interessant ist und weniger kostet als die Talismane: die roten Stempel der Tempel und Schreine, auf japanisch goshuin (御朱印). Und ich muss kein schlechtes Gewissen mehr haben, nach einem Jahr meine Talismane nicht verbrannt zu haben.

Goshuin Allgemein

Fast alle Schreine und Tempel haben einen sogenannten roten Stempel, den goshuin (御朱印). Diese gelten als Beweis, dass man den Schrein oder Tempel besucht hat. Die roten Stempel werden in einem kleinen Buch namens goshuinchō (御朱印帳) gesammelt. Dieses Buch nehmen Gläubige mit ins Grab, um leichter Einlaß in den Himmel, Paradies o.ä. zu erhalten.

Es gibt aber auch Varienten zum goshuinchō: so können sich Pilger auf Shikoku die roten Stempel auf ihr weißes Pilgergewand stempeln lassen, welche die Pilger meist tragen.

Buch für die roten Stempel – goshuinchō
Gekauft am Kamigamo Schrein, Kyoto

Die Einträge im goshuinchō bestehen aus ein oder mehreren roten Stempeln, dazu in Kalligraphieschrift der Name des Tempels oder Schreins, der Tag der Eintragung sowie oft noch eine Botschaft oder Sprüchlein.

Beschriftung der Eintrags

Am Ende wird der rote Stempel aufgedrückt

Das Buch für die roten Stempel kostet normalerweise 1000 Yen, die Einträge jeweils 300 Yen. Das erste Buch kostet somit meist 1300 Yen. Der Platz, an denen die goshuin verkauft werden, wird meist mit einen großen Schild markiert, auf dem shuinsho (朱印所) steht. Wie goshuin, nur mit dem Suffix für Platz oder Ort.

Besonderes Goshuincho: Koyasan

Das Deckblatt der goshuinchō kann je nach Schrein oder Tempel unterschiedlich sein. Relativ bekannt scheint das goshuinchō vom Tempel Koyasan in der Präfektur Wakayama südlich von Kyoto zu sein, wo das Deckblatt aus Holz der umliegenden Bäume gefertigt wird. Für 1700 Yen kann man sich zwei Varianten aussuchen: Hinoki (jap. Zypresse) oder Sugi (jap. Zeder).

Bilder von der Hinoki Variante, die deutlich heller ist als die Sugi Variante:

Goshuincho Koyasan Hinoki Holz (jap. Zypresse)

Goshuincho Koyasan: Hinoki Holz (jap. Zypresse)

Goshuincho Koyasan mit ersten Goshuin

Goshuincho Koyasan mit ersten Goshuin

Ursprünge Goshuin

Die Ursprünge dieser Tradition sind nicht eindeutig geklärt. Die gängigste Theorie lautet, dass man den roten Stempel nach der Stiftung einer Sutrakopie erhalten hat, weswegen der Stempel auch nōkyōin (納経印) – „Stempel für die Stiftung einer Sutrakopie“ – genannt wird. In sehr wenigen Tempeln ist das auch heutzutage noch üblich, aber diese muss man erstmal finden.

goshuin

Redewendungen

Sollte man nun den Wunsch haben, selber so ein Büchlein anzufangen, können folgende Sätze helfen.

Sobald man den Stand gefunden hat, einfach eines in die Hand nehmen, der Person hinter der Theke hinhalten und sagen:
goshuinchō o itadakitain desu ga.
御朱印帳を頂きたいんですが。

Wenn man das Büchlein schon hat und lediglich um den Stempel bitten möchte, folgendes:
goshuin o shite itadakemasen ka / goshuin o itadakitain desu ga
御朱印をして頂けませんか。/ 御朱印をいただきたいんですが。

Im Notfall helfen auch sehr einfaches Englisch sowie Hände und Füße. Danach heißt es dann: Gotta catch ‚em all!

Beispiele für Goshuin

Goshuin Horyuji und Ninnaji

Links: Tempel Horyuji, Nara – Rechts: Tempel Ninnaji, Kyoto

Goshuin Kenninji und Nashinoki

Links: Tempel Kenninji, Kyoto – Rechts: Nashinoki Schrein, Kyoto

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Begeisterter Kyoto-Insider und ambitionierter Amateurfotograf mit Vorliebe für Tempel und Schreine.
Interessen: Kyoto als Erkundungsgebiet, Tee- und traditionelle Kultur in Japan, Erfahrungen in Schriftform pressen
Sportlich: Kendo – das japanische Fechten