Gestern habe ich es nun endlich mal geschafft, in den sehr kleinen Teeladen bei mir um die Ecke zu gehen. Wenn mein Sencha zuneige geht, halte ich normalerweise Ausschau nach traditionellen Teeläden, die gleichzeitig herstellen und unter der eigenen Marke verkaufen, wie z. B. Ippodo, Kanbayashi oder Marukyu Koyama En. Dazu werde ich vor dem Ende meines aktuellen Senchas (von Tsubakido) wohl kaum kommen, daher: der kleine Teeladen um die Ecke.

Wie erwartet war die alte Besitzerin des Ladens überrascht, einen Ausländer in ihrem Laden begrüßen zu dürfen. Ohne weitere Berührungsängste stellte sie mir aber den Sencha vor, den sie vorrätig hatte und erklärte mir auch gleich nochmal ausführlich, wie man Sencha zubereitet. Nachdem ich ihr dann das Geld für den ausgewählten Sencha überreichte und sie mir die Quittung geben wollte, drehte sie sich zu ihrer Vitrine hinter sich um, in der lauter Teedosen standen, nahm eine heraus und schenkte sie mir. Sehr nett, danke!

Nach näherer Betrachtung ist die Teedose auch ziemlich interessant! Zunächst ist mir die Sonne aufgefallen, die sehr gut als Rising Flag (japanische Kriegsflagge) herhalten könnte. Würde auch gut zur Meijizeit passen! Es folgt der Schriftzug „Japan Tea“ – Englisch! Das Schiff im Hintergrund könnte auch glatt ein Kurofune sein! Die Verzierung würde ich auch nicht als traditionell japanisch bezeichnen, sondern hat für mich eher einen europäischen Stil – passend zur Meijizeit, in der die „Modernisierung“ Japans brutal vorangetrieben wurde, indem man den Westen kopierte. All das macht diese Teedose für mich zu einer Teedose aus der Meijizeit.

Dass nun eine alte Japanerin ausgerechnet DIESE Teedose einem westlichen (= Europa oder Amerika) Kunden schenkt, ist vielleicht tiefsinniger als man denken mag. Oder auch nur purer Zufall.

Ach ja, der Tee ist übrigens sehr gut. Mehr als Shincha (= aus der ersten Teeprflückung des Jahres) steht leider nicht als Information auf der Verpackung, daher Zuordnung leider nicht möglich.

Begeisterter Kyoto-Insider und ambitionierter Amateurfotograf mit Vorliebe für Tempel und Schreine.
Interessen: Kyoto als Erkundungsgebiet, Tee- und traditionelle Kultur in Japan, Erfahrungen in Schriftform pressen
Sportlich: Kendo – das japanische Fechten