Der Alltag in Japan kann hart sein, auch für Touristen. In Japan gibt es nichts entspannenderes, als sich abends in einem heißen Bad einweichen zu lassen. In Japan hat sich darum eine ganz eigene Badekultur entwickelt mit dem Begriff Onsen im Mittelpunkt. Aber was genau sind eigentlich Onsen? Und gibt es Verhaltensregeln?

In Japan hatte früher kaum ein Haus einen eigenen Bade- oder Waschbereich, was zur Entwicklung zahlreicher öffentlicher Badehäuser führte. Diese Entwicklung ist mit dem Trend zum eigenen Badezimmer aber stark zurückgegangen. Heutzutage sind öffentliche Badehäuser in Japan häufig Orte zur Entspannung, die man gelegentlich aufsucht. Die tägliche Reinigung rückt immer mehr in den Hintergrund.

Unterschied Onsen und Sento

Onsen, Sento, Supersento, daiyokujō….??? Im Ausland ist fast immer nur von Onsen die Rede, aber im japanischen trifft man sehr schnell auf einen zweiten Begriff: Sento. Mit Onsen und Sento ist die Fülle an Begriffen aber noch längst nicht gedeckt, es gibt noch mehr.

Onsen und Sento

sento onsen

Schematischer Aufbau eines Sento ©Wikimedia

Sowohl Onsen (温泉) als auch Sento (銭湯) beschreiben zunächst einmal ein öffentliche Badehaus, in denen man Bäder mit heißen Wasser genießen kann. Der Unterschied liegt im Wasser selbst.

Im ursprünglichen Sinne findet man im Sento nur erhitztes Wasser aus dem normalen Wassersystem vor.

Im Onsen hingegen kommt das Wasser aus einer natürlichen heißen Quelle, was für mehr Mineralien im Wasser sorgt. Das Wasser aus natürlichen Quellen ist wegen dem hohen Mineraliengehalt oft trübe. In dem Fall hängt auch meist ein Hinweisschild mit der Zusammensetzung des Wassers über dem Becken. Ganz sicher kann man sich sein, wenn man die Schriftzeichen tennen onsen (天然温泉) sieht – das heißt dann definitiv, dass das Wasser aus einer natürlichen heißen Quelle stammt.
Man sagt, dass wenn man in Japan einen Kilometer tief gräbt, trifft man auf eine heiße Quelle – egal wo. Ein klarer Standortvorteil Japans!

Man kann Onsen und Sento auch anhand von zwei verschiedenen Symbolen unterscheiden.

http://ja.wikipedia.org/wiki/%E9%8A%AD%E6%B9%AF#mediaviewer/%E3%83%95%E3%82%A1%E3%82%A4%E3%83%AB:Gyunyusekken_Noren_Spring.jpg

Hiragana yu ゆ für Sento ©Wikimedia

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Japanese_Map_symbol_%28Spa%29.svg

Symbol für Onsen ©gemeinfrei

Das Hiragana yu ゆ kommt schlicht einfach vom japanischen Wort für heißes Wasser: oyu お湯. Entweder sieht man das Hiragana direkt schon außen am Eingang („Hier befindet sich ein Sento/Onsen!“) oder im Gebäude kurz vor dem Badebereich („Hier befindet sich der Eingang zum Badebereich!“). Während das zweite Symbol nur für Onsen mit natürlichen Quellen verwendet wird, kann man das  Hiragana yu sowohl im Sento als auch im Onsen finden.

Um die Grenzen jetzt noch völlig aufzulösen: in etlichen Badehäusern findet man Becken sowohl mit Wasser aus natürlichen Quellen als auch mit Leitungswasser vor. Wer sicher gehen will, sollte sich also genau über das jeweilige Badehaus an sich informieren und sich nicht auf den Namen verlassen.

Namensgebung von Badehäusern

Kompliziert wird es bei der Namensgebung der Badehäuser, denn oftmals wird der Begriff Onsen auch für Namen von Badehäusern verwendet, die ihr Wasser nicht aus einer natürlichen heißen Quelle beziehen – im Prinzip also ein Sento. In der Regel kann man aber schon vorher in Erfahrung bringen (Webseite, Schild am Eingang etc.), welches Wasser man in den Becken des jeweiligen Sento oder Onsen findet, ob es sich um Leitungswasser oder um eine natürliche heiße Quelle handelt. Spätestens im Badehaus selber sieht man im Fall einer natürlichen heißen Quelle ein großes Schild über dem entsprechenden Becken, welches auf die gesundheitlichen Vorteile des Wassers hinweist.

Supersento

Zusätzlich gibt es inzwischen auch sogenannte Supersento (スーパー銭湯). Man kann sagen, bei Supersento handelt es sich um Sento auf Steroiden. Supersento zeichnen sich allein durch ihre schiere Größe aus, handelt es sich hier meist um ein Badehaus mit zahlreichen, oft sehr großen Becken mit angeschlossenen Restaurants, Entspannungs- und Wellnessbereich und vieles mehr. Und trotz des Sento im Namens findet man hier meist Becken mit Leitungswasser und Wasser aus natürlichen Quellen.

In Hotels: daiyokujō

In Hotels gibt es fast immer einen Bereich namens daiyokujō (大浴場). Hier handelt es sich um einen großen Badebereich, der im Prinzip nichts anderes darstellt als ein Sento oder Onsen. Es gelten daher auch dieselben Regeln.

Im Badebereich

Vor dem Betreten

In den meisten – oder gar in fast allen – Badehäusern in Japan gilt die Geschlechtertrennung. Meist werden nur die Kanji für Mann und Frau verwendet und damit man dann nicht schon vor dem Badebereich auf verlorenen Posten steht und sich keine Frau darauf berufen kann,  sich „unwissend“ in den Männerbereich geschlichen zu haben, hier die Kanji:

mannfraukanji

Mann 男 | 女 Frau

Utensilien

Hat man es nun in ein Badehaus geschafft, trifft man vermutlich auf Utensilien, die man sonst so vielleicht nicht so im Bad stehen hat. Nur selten gibt es Stehduschen, dafür immer Duschen, bei denen man sich im Sitzen duscht. Dafür stehen kleine Hocker bereit, die furo isu風呂椅子. Zusätzlich steht meist noch ein kleiner Kübel zur Verfügung, der oke. Den kann man benutzen, muss man aber nicht – es hat aber schon was, den Kübel voll mit warmen Wasser zu füllen und dann komplett über sich zu entleeren. Die Duschen haben dafür zwei Wasserhähne: den Schlauch mit Duschbrause für das Duschen an sich und einen Wasserhahn für den Kübel.

Bei den Handtüchern gibt es auch Unterscheidungen, die man im Westen so nicht kennt. Im Badehaus kommen nämlich zwei Handtücher zum Einsatz: ein kleineres Handtuch, onsen taoru温泉タオル genannt und das normale große Handtuch, schlicht taoruタオル. Das onsen taoru wird benutzt, um die eigene Blöße zu bedecken und sich vor Verlassen des Badebereichs schon etwas abzutrocknen, da das normale Handtuch im Umkleidebereich bleibt.

Am Ende stellt sich noch eine wichtige Frage: Wird Duschgel und Shampoo immer bereitgestellt? Nicht immer. In großen Badehäusern kann man davon ausgehen, dass Duschzeug im Duschbereich steht. Im kleinen Sento um die Ecke aber meist nicht, wie z. B. im Funaoka Onsen. In dem Fall muss man sich seine eigenen Duschsachen mitbringen oder vor Ort kaufen. Prinzipiell kann man immer seine eigenen Duschsachen mitbringen und benutzen.

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Aufgeräumte Hocker und Kübel

Rotenburo: unter freien Himmel

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Rotenburo ©Nakanoshima Hotel

Wer das Schild für einen rotenburo (露天風呂) erspäht, darf sich meist auf eine schöne Aussicht freuen. „Roten“ bedeutet nämlich „unter freien Himmel“. Das können ganze Badebereiche sein oder auch nur Wannen aus Keramik oder Holz für eine oder zwei Personen. Innerhalb der Rotenburo kann man eine weitere Kategorie ansiedeln, nämlich die notenburo (野天風呂). Die Notenburo kann man als Onsen im ursprünglichen Sinne verstehen, die in Bergen ohne menschliches Zutun entstanden sind. Ja, man kann in Japan in den Bergen wandern, einen Notenburo finden und direkt darin baden!

Denkiburo: das Kribbeln im Bad

Wer auch im Badehaus aus irgendwelchen Gründen nicht auf seine Elektroschocks verzichten möchte, darf sich über den Denkiburo (電気風呂) freuen. Dieses anfänglich gewöhnungsbedürftige Bad oder Bereich in einem Bad leitet Strom durch das Wasser, der die Muskeln anspricht. Der Stromfluss soll die Muskeln entspannen.

Kashikiri Onsen: privates Badevergnügen

In vielen Hotelanlagen mit Onsen findet man einen Kashikiri Onsen (貸切温泉). Das bedeutet, dass ein gewisser Badebereich reservierbar ist und somit privat genutzt werden kann. Aus Rücksicht auf andere Gäste ist die reservierbare Zeit im Bad aber oft auf 30 Minuten begrenzt.

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Kashikiri Onsen im Yunomine Onsen

Mizuburo: etwas kälter

Hat man nun genug vom heißen Wasser, das in Japan sehr heiß sein kann, bietet sich der Mizuburo (水風呂) an. Im Mizuburo befindet sich meist lauwarmes Wasser und ist gerade am Ende einer Badesession sehr entspannend.

Verhaltensregeln im japanischen Badehaus

Damit alle ihren Spaß am öffentlichen Bad haben und es nicht zur Ekelpartie wird, hat sich eine gewisse Etikette in japanischen Badehäusern etabliert – die gerne auch weltweit Verbreitung finden darf. Aufgeteilt ist diese Etikette hier in starke und schwache Regeln. Die starken Regeln sollte man auf jeden Fall beachten, die schwachen Regeln sind eher als Bonus zu verstehen. In traditionellen Badehäusern trägt man keine Badeanzüge, man steigt also nackt in die Becken. Sollte man diesbezüglich eine Ausnahme gefunden haben, wird man das schnell merken.

Starke Regeln

Hinweis: Die nachfolgenden „starken Regeln“ sollten unbedingt eingehalten werden, wenn der Aufenthalt in einem japanischen Onsen oder Sento entspannend und reibungslos verlaufen soll!

Rotenburo mit Duschbereich

  • Vor dem Baden unbedingt gründlich waschen! Das Badewasser ist nicht zur Reinigung, sondern zur Entspannung gedacht. Jedes Badehaus hat einen Duschbereich vor dem Badebereich. Mit Dreck oder Seifenreste ins Wasser zu gehen ist inakzeptabel.
  • Fotos machen ist spätestens ab dem Umkleidebereich in der Regel ein No-Go. Vielleicht kann man es mal riskieren, wenn man sich wirklich sicher ist, der einzige Gast zu sein. Es gibt wohl nicht umsonst seit 2014 ein Hinweisschild auf Englisch im Umkleidebereich des Funaoka Onsen (Kyoto), auf dem steht, dass Fotografieren verboten ist – und man öfters mal Bilder von eben jenen Umkleidebereich mit ausländischen Gästen darauf im Internet finden kann.
  • Gibt es im Badehaus Bäder mit mineralreichen (trüben) Wasser und klaren Wasser, sollte man sich vor dem Wechsel von trüb auf klar kurz mit klaren Wasser übergießen.
  • Ein japanisches Badehaus ist zu Entspannung gedacht, nicht zum Entertainment. Das gilt sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.
  • Das große Handtuch bleibt im Umkleidebereich.

Schwache Regeln

Regeln, die man einhalten sollte, aber nicht unbedingt muss.

  • Seine eigene Blöße mit einem kleinen Handtuch (onsen taoru) bedecken, während man herumläuft.
  • Das onsen taoru sollte nicht ins Bad getaucht werden, daher auf dem Kopf balancieren oder auf eine trockene Stelle am Beckenrand legen. Das Handtuch ist nach einer Weile aber immer klitschnass, dagegen kann man nichts machen.
  • Mit dem onsen taoru sollte man sich etwas abwischen, bevor man den Umkleidebereich betritt und sich dort komplett abtrocknet.
  • Das onsen taoru ist aber nicht zwingend notwendig für den Badebesuch.
  • Häufig unterscheiden sich die Eintrittspreise bei Badehäusern mit Übernachtungsmöglichkeiten nach Hotelgästen und nicht Hotelgästen. Ist man Hotelgast, sollte man daher den bereit gelegten Yukata (Bademantel) anziehen, dann gibt es auch keine Mißverständnisse.
©Ryan McBride, Flickr

Definitiv mineralreiches Wasser ©Ryan McBride, Flickr

Onsen und Sento in Kyoto

Da fast jedes Hotel in Kyoto einen eigenen daiyokujō hat, bietet es sich nicht an, ein normales Sento zu besuchen. Es gibt aber zwei besuchenswerte Ausnahmen.

Sento: Funaoka Onsen

Funaoka Onsen gehört zu den ältesten Badehäusern in Kyoto und sieht nicht einfach nur aus wie ein Badezimmer. Ein Besuch lohnt sich immer.

Artikel: Funaoka Onsen

Eingang zum Funaoka-Onsen in Kyoto

Supersento: Tenzan no Yu

Das Supersento Tenzan no Yu im Stadtteil Arashiyama könnte das Supersento schlechthin sein in Kyoto. Schon von außen kann man die  Größe Innen erahnen. Neben einen großen Badebereich sowohl mit inneren als auch äußeren Bereich gibt es auch noch ein Restaurant. Das Ganze hat allerdings auch seinen Preis mit 1000 Yen für Erwachsene.

Google Street View Tenzan no Yu

Sondererwähnungen

Ashiyu: Bad für die Füße

Gerade in berühmten Onsengebiete gehört der Ashiyu (足湯) zum Stadtbild. Ashiyu sind Bäder für die Füße, die aus einer umliegenden natürlichen heißen Quelle gespeist werden. Ist vielleicht nicht das angenehmste im Hochsommer, aber bei Temperaturen um die 20°C eine angenehme Abwechslung. Selbstverständlich ist dieses Wasserbecken dann nur für die Füße und für nichts anderes.

Ashiyu in Beppu, Kyushu

Preise

Die Preise für Onsen und Sento können sehr verschieden sein. Einfache Sento verlangen meist zwischen 300 und 500 Yen Eintritt. Bei größeren Anlagen wie Supersento kann der Eintrittspreis schonmal auf 1000 Yen oder mehr klettern. Bei Hotels kommen natürlich noch die Kosten für die Übernachtung hinzu, aber hier ist der Badebesuch dann schon inklusive.

Tattoos?

Japanische Badehäuser und Tattoos haben eine leidvolle Beziehung. Früher war es ziemlich strikt: Tattoo? Kein Eintritt. Tattoos werden in Japan vor allem mit der organisierten Kriminalität (Yakuza) in Verbindung gebracht. Heutzutage ist der Umgang mit Tattoos etwas liberaler geworden und kann daher je nach Badehaus unterschiedlich beantwortet werden. Normalgroße Tattoos sollten in Gebieten mit vielen ausländischen Touristen keine Probleme mehr bereiten – kleinere Tattoos kann man unter Pflastern verstecken.

Weiterführende Links

Interessantes: Ist die 1010 in der URL „Kyo1010“ aufgefallen? Auf japanisch heißt 1000 sen und 10  (normalerweise  alternative Lesung), daraus setzt sich dann sentō zusammen. Die Schreibweise mit Zahlen scheint im Internet als Adresse beliebt zu sein.

Kleiner Onsen in einer Herberge in Beppu, Kyushu

Video: Begin Japanology Sentou

Ein sehr sehenswerter Beitrag der NHK-Reihe Begin Japanology über öffentliche Badehäuser in Japan.

Begeisterter Kyoto-Insider und ambitionierter Amateurfotograf mit Vorliebe für Tempel und Schreine.
Interessen: Kyoto als Erkundungsgebiet, Tee- und traditionelle Kultur in Japan, Erfahrungen in Schriftform pressen
Sportlich: Kendo – das japanische Fechten