Reiseführer gibt es wie Sand am Meer. Wer kennt sie nicht? Listen von zahlreichen Orten, die wiederum unterteilt in unzählige Punkte, die wegen Grund XY interessant sind. Hintergrundinformationen beschränken sich meist auf zwei oder drei Sätze. Ideal für Typus Tourist mit straffen Programm. Was aber, wenn man plötzlich ein Buch vor sich hat, das eine Mischung aus Geschichtsbuch, persönlichen Erfahrungen und Reiseführer darstellt? Gleich drei Dinge auf einmal? Sehr angenehm und erwiesenermaßen machbar, denn genau als solch ein Buch stellt sich „Mein Kyoto“ (Projekte-Verlag Cornelius) von Monika Marutschke dar.

Mein Kyoto

Die Autorin stellt in dem Buch entsprechend dem Titel ihr Kyoto vor, wo sie seit 2007 wohnt. Statt uns Listen und poppiges Design um die Ohren zu hauen, hebt sich „Mein Kyoto“ erfrischend als Prosatext ab, zwischendurch garniert mit großen Photos – selten mehr als zwei pro Seite – von Moritz Marutschke, die Sehnsucht nach der alten Hauptstadt Japans erwecken. Man hält ein sehr persönliches Buch in den Händen, ja sogar die Karte mit Markierungen ist von Hand gezeichnet worden.

Gliederung

Die Autorin gliedert ihr Buch in drei große Bereiche ein. Im ersten Bereich schildert sie die Geschichte von Kyoto anhand ausgewählter Orte, aber nicht rein mit Fakten, sondern auch oft mit persönlichen Erzählungen und Vorstellungen, wie man gut an einer Stelle über den Garten Shinsen-en lesen kann:

Seite 32

[…] Und nun sehe ich sie! Hundert Frauen, die shirabyôshi (白拍子) in ihren weißen Seidengewändern, bewegen sich ernst und gemessen. Eine nach der anderen tritt vor in die Mitte und erfleht mit ihren langsamen, kaum als Tanz zu bezeichnenden rituellen Gebärden und schleppenden Bewegungen den Regen. […] Dass der Himmel sich erbarmte, hielt der Herrscher in einem Gedicht fest.

Die Texte über die diversen Tempel lesen sich nicht selten ein Rundgang durch dieselbigen. Zusatzinformationen werden in einem hervorgehobenen Kasten präsentiert. Die obligatorische Zeitlinie mit wichtigen Jahreszahlen gehört natürlich dazu, wird aber eher an den Rand gedrängt und lässt sich nur im Innenbereich des Buchumschlags finden.

Mein Kyoto Kamogawa

Kyoto: Traditionelle Häuser am Kamogawa-Fluss

Im zweiten Teil, den die Autorin mit „Infrastruktur der Stadt“ betitelt, stellt sie die Kultur Kyotos vor, aber auch sehr allgemeine Dinge, die sehr wissenswert sind. Der erste Abschnitt dieses Teils handelt um Kimonos. Nicht nur schreibt die Autorin etwas zu Kimonos und ihre Stellung in Kyoto, sondern auch, wo man sich sehr gut über Kimonos informieren kann, dann ihre eigene Erfahrungen in einem Anziehkurs und noch viele weitere Informationen, z.B. wo man Kimonos kaufen kann und weitere Hintergründe wie deren Herstellung. Weiter hinten im zweiten Teil kommt die Sprache dann auf Sachen wie Fahrräder, Transportation, Jahreszeiten etc., sehr alltägliche Dinge, die Kyoto aber greifbarer machen.

Auf dem Heimweg nach einem Fest

Im letzten Teil geht die Autorin auf ihre Begegnungen mit bestimmten Bewohnern des Landes der aufgehenden Sonne ein. Ein Persönlichkeitsprofil braucht man hier nicht zu erwarten, sondern vielmehr dienen diese Personen als Aufhänger, weitere kulturelle Eigenarten zu nennen und zu beschreiben. Dabei geht es selten über Kleinigkeiten hinaus, die aber trotzdem sehr interessant sind.

Mein Kyoto

Fest im Maruyama-Park unter den Kirschblüten

In bis auf den letzten Teil mit den persönlichen Begegnungen finden sich zudem immer mal wieder eingeschobene Informationskästen, die mal einen Begriff oder ein Konzept erklären. Lesern mit Japanischkenntnissen wird es freuen, dass für fast alle japanischen Begriffe oder Orte die japanischen Schriftzeichen angegeben werden, was für weitere Recherchen in der Landesprache öfters hilfreich sein kann.

Mein Kyoto

Einkaufen in Kyoto

Fazit

Mit „Mein Kyoto“ liefert Monika Marutschke ein sehr persönliches und sehr wundervolles Buch über Kyoto ab, aus dem selbst erfahrene Kyotogänger noch viele Inspirationen ziehen können. Hintergründe zur japanischen Kultur runden das Werk ab. Genießen sollte man das Buch zuhause auf dem Sofa bei einer guten Tasse Tee, für den mobilen Einsatz mit seinen 468 Seiten ist es eher ungeeignet.

Ein schnelles Nachschlagewerk stellt dieses Buch nicht dar, man muss es lesen – danach kann man dann nachschlagen. Dafür wird man mit Inspirationen und Hinweisen abseits von dem belohnt, was man in den Mainstream-Reiseführern finden kann.

Mein Kyoto, Daten

Autorin: Monika Marutschke
1. Auflage, 468 Seiten
Projekte-Verlag Cornelius, Halle 2012
Fotograf: Moritz Marutschke: http://www.kyotographer.com/
Preis: 24.50 Euro (Amazon.de )
ISBN-10: 3954861313
ISBN-13: 978-3954861316

Weitere Rezensionen

Inhaltsverzeichnis Mein Kyoto

Inhaltsverzeichnis „Mein Kyoto“ auf Google Drive (größere Ansicht)

Leseprobe Mein Kyoto

  • S. 54-55: Regierung durch Exkaiser: Der Tempel Ninna-ji (unvollständig)
  • S. 158-160: Im Weberdistrikt Nishijin-Viertel (vollständig)
  • S. 428-429: Frau Teramoto (unvollständig)

Leseprobe „Mein Kyoto“ auf Google Drive (größere Ansicht)

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Begeisterter Kyoto-Insider und ambitionierter Amateurfotograf mit Vorliebe für Tempel und Schreine.
Interessen: Kyoto als Erkundungsgebiet, Tee- und traditionelle Kultur in Japan, Erfahrungen in Schriftform pressen
Sportlich: Kendo – das japanische Fechten