Seit Anfang Oktober trainiere ich sehr regelmäßig in Japan, allerdings seit Mitte Dezember und vermutlich noch bis März hauptsächlich nur im Myokakuji-Dojo. Davor habe ich im September den 1. Dan gemacht, wobei man sich darauf überhaupt nichts einbilden kann und sollte. Man ist dann vielleicht lediglich offiziell blutiger Anfänger, mehr aber auch nicht.
Beim Kendobu und Kenrenkai ist derzeit Off Season, sprich kein Training und sich wieder ausreichend Speck anfressen, um die nächste Torturzeit von Frühling bis Herbst zu überstehen.

Meinen persönlichen Fortschritt kann man am besten mit „Keep it simple!“ beschreiben. Da ich quasi nur noch mit Lehrern ab 5. Dan trainiere, artet das Training mit ihnen meistens in reines Men-Uchikomi aus. Ein Men-Schlag nach dem anderen und viel laufen, bis man kaum noch die Arme hochbekommt bzw. ein Fuß vor den anderen setzen kann. Kote kann ich bei den Lehrern vergessen, da mir schlicht die Erfahrung fehlt, die Lehrer dazu zu bewegen, ihre Kote zu öffnen – einfach so kann man nicht auf Kote gehen, denn viele schützen ihre Kote dadurch, indem sie im Kamae die linke Hand etwas nach rechts versetzen und somit das Shinai nicht schnurgerade nach vorne zeigt. An Do-Schläge brauche ich erst gar nicht zu denken…

Dennoch bin ich verdammt froh um dieses Training! Abgesehen davon, dass ich Men-Schläge liebe, zeigt mir dieses intensive Training für Men-Schläge, wie effektiv und erfolgreich man mit simplen Kendo ohne Schnickschnack sein kann. Dadurch, dass ich mich vorerst hauptsächlich auf einen Schlag konzentriere, merke ich schneller, wie ich diesen erfolgreich einsetzen kann. Erst jetzt wird mir bewusst,  wie wichtig das Konzept hinter dem Begriff sutemi (捨て身) ist: seinen gesamten Körper in die Attacke werfen und damit auch zu riskieren! Oftmals erwische ich mich dabei, wie ich nicht mit vollen 100 Prozent angreife, was die Attacke halbherzig macht. Schmeiße ich aber meinen gesamten Körper in die Waagschale, indem ich mich kräftig mit dem linken Fuß abstoße und quasi meinen Trainingspartner über den Haufen rennen möchte, ist der Schlag an sich auch meistens erfolgreicher. Positiver Nebeneffekt: man verunsichert sein Gegenüber und erschwert ihm, Gegentechniken anzusetzen.

Kendo Training at Butokuden, Kyoto

Von den extrem kleinen Men-Schlägen, die oft in Wettkämpfen eingesetzt werden, entferne ich mich auf Rat von Shimizu-Sensei langsam, aber stetig. Das heißt nicht, dass ich keine kleinen Men-Schläge mehr benutze, aber derzeit definiere ich meinen kleinen Men-Schlag für mich so, dass beim Ausholen das Shinai senkrecht in den Himmel zeigt. Erstaunlicherweise ist das gar nicht mal so langsam, laut einem anderen Lehrer sogar mindestens gleich schnell, wenn nicht gar schneller. Damit kann ich auch gut mein Handgelenk trainieren und wenn der Schlag durchkommt, dann krachts eindeutig.

Nur wenn ich oben genannte Punkte beherzige, habe ich überhaupt die Chance, per Zufall mal einen Treffer bei den Lehrern zu landen. Fange ich aber an, rumzufuchteln und Quatsch zu machen, wird das drillende Uchikomi nur um ein oder zwei Minuten verlängert, bis ich wieder sauber und korrekt schlage.

Sonstige Punkte zum Verbessern:

  • Men-Schlag öfters mal nicht sauber in der Mitte.
  • Seme noch im absoluten Anfangsstadium.
  • Sauberes Kamae in der Mitte.
  • Arme sind nach dem Men-Schlag zu weit oben.
  • …und noch viele weitere Dinge, die aber erst noch warten müssen.

Derweil, keep it simple! Kein Rumfuchteln, kein Quatsch machen! Noch viel zu tun! Men Men Men!

Kendo, Men(3)
Begeisterter Kyoto-Insider und ambitionierter Amateurfotograf mit Vorliebe für Tempel und Schreine.
Interessen: Kyoto als Erkundungsgebiet, Tee- und traditionelle Kultur in Japan, Erfahrungen in Schriftform pressen
Sportlich: Kendo – das japanische Fechten