Bisher habe ich mir über das Kanji für Tee, 茶, nicht viel Gedanken gemacht. Ich wusste dessen Bedeutung und gut war. Jetzt aber bin ich in der Einleitung des Buches „Das kleine Handbuch des Grüntees / Grüner Tee – Heilwirkung und Kultur aus den Gärten der Welt“ (5. Auflage) von Pascal Debra auf folgende Passage gestoßen:

Seite 17

Die japanische Sprache kennt 2 Kanji-Zeichen für das Wort „Tee“:
Das erste Kanji kann durch die Bezeichnung ‚Baum‘ (mu) korrekt ausgedrückt werden. Das Bildzeichen bezieht sich also auf den Tee als Pflanze, nicht primär auf den daraus  hergestellten Aufguss.

木大

Das zweite Zeichen ist das Kanji für „Distel“. Die zusammengesetzten Zeichen ergeben das Gesamtzeichen für „Tee“.

An dieser Stelle war ich etwas verblüfft. Diese Zeichenzusammensetzung und deren Erklärung war mir so in keinster Weise präsent. Als Student der Japanologie ahnte ich auch gleich, dass dies so nicht korrekt sein kann. Zuerst einmal wird das Kanji für Baum, 木, ‚moku‘ oder ‚ki‘ gelesen, einfach nur ‚mu‘ wird es nicht gelesen. Das zweite erwähnte Kanji,  大, steht für ‚groß‘. Sinngemäß würde diese Zusammensetzung also etwa „Baum groß“ ergeben.
Umgedreht gibt es die Kanji allerdings – so gibt es 大木 zunächst mit der Lesung ‚taiboku‘ und heißt wirklich großer Baum. Weiterhin gibt es noch den Familiennamen 大木, ‚ôki‘ gelesen.
Das Kanji für Distel wäre 薊, gelesen ‚azami‘.

Ich recherchierte also weiter und schlug dabei im Kanjigen (1) und Shinkangorin (2) nach, herausgekommen ist folgendes (Übersetzung siehe unten):

(1) 漢字源

解字
会意兼形声。もと「艸+(音符)余(のばす、くつろぐ)」。[…]

(2) 新漢語林

解字
形声。艹(艸)+余省(音)。音符の余は、のびるの意味。のびた新芽を摘んで飲料とするもの、ちゃの意味を表す。

Das Kanji 茶 besteht also aus dem Radikal 艹 (Gras, Pflanze) und dem chinesischen lauttragenden Zeichen (Phonetikum) 余, was dem japanischen のばす/のびる entspricht, auf Deutsch ‚wachsen‘. くつろぐ steht für ‚es sich bequem machen‘, macht aber in diesem Kontext keinen Sinn und kommt auch nur in (1) vor.

Möchte man das Kanji nun interpretieren, komme ich zu folgendem:

„Tee ist ein gewachsenes Gras, welches Blätter trägt“

Der Zusatz mit den Blättern verdanke ich einer japanischen Freundin. Es macht auch Sinn, da letztendlich aus den Blättern der Tee gemacht wird und auch Quelle (2) darauf hindeutet (siehe Übersetzung)


Übersetzung

(1) Kanjigen

Kanjierklärung
Bildung eines Kanji aus zwei oder mehr Kanji zu einem neuen mit kombinierten Bedeutungen, gleichzeitig Bildung eines Kanji aus semantischem und phonetischem Bestandteil. Ursprung 「艸+(Phonetikum)余(wachsen、es sich bequem machen)」

(2) Shinkangorin

Kanjierklärung
Bildung eines Kanji aus semantischem und phonetischem Bestandteil. 艹(艸)+余省(Laut). Das Phonetikum 余 besitzt die Bedeutung ‚wachsen‘. Das Pflücken von gewachsenen Sprößlinge und daraus ein Getränk herzustellen, drückt die Bedeutung ‚Teeblatt‘ aus.

Begeisterter Kyoto-Insider und ambitionierter Amateurfotograf mit Vorliebe für Tempel und Schreine.
Interessen: Kyoto als Erkundungsgebiet, Tee- und traditionelle Kultur in Japan, Erfahrungen in Schriftform pressen
Sportlich: Kendo – das japanische Fechten