Buchvorstellung: Kawaii Mania von Andreas Neuenkirchen, Conbook-Verlag

Wer auch nur ansatzweise mit Japan zu tun hat, wird schnell auf das Konzept kawaii stoßen — entweder direkt als Wort (“Kawaii kawaii KAWAIIIIII!!!”) oder visuell in niedlichen Figuren, gezeichneten Schulmädchen und putzigen Accessoires aller Art. Kawaii ist überall und niemand kann entrinnen, selbst bei offiziellen Hinweisschildern von Behörden. Für Deutsche könnte der Schock manchmal größer kaum sein, gilt hier doch alles Offizielle mit mehr als zwei Farben oder gar Verzierungen als höchst unseriös, gar schon verdächtig. Nicht so in Japan. Genau diesem Phänomen der Verniedlichung von nahezu allem — auch unter dem Begriff Kawaii-Syndrom bekannt — beschäftigt sich der Autor Andreas Neuenkirchen auf 192 Seiten in seinem neuen Buch “Kawaii Mania – Japans niedlichste Abgründe”. Ein wirklich interessantes Thema, dem man sich auch bei Abneigung widmen sollte, ist dieses Kawaiidingens doch eines der Hauptpfeiler der japanischen soft power Japans bzw. der Kulturexportschlager schlechthin. Bei uns hat es ja nur für Bier und Weißwurst gereicht ;-)

In mehreren größeren Kapiteln nähert sich der Autor der Kawaii Mania in Japan an und stellt diese vielfältige Welt fundiert vor. Etwas überraschend fand ich im Vorwort die Inkludierung der kleinen Bonsaibäume in diesen Themenkomplex, hatte ich beim Anblick dieser nie wirklich an niedlich gedacht, nur weil diese minifiziert sind. Kawaii muss bunt und knallig sein, Kulleraugen haben. Gut, dass es dann spätestens im ersten Kapitel in erwartete Gefilde geht und zwar in die Welt der Präfekturs- und Stadt-Maskottchen. Martialisch wird das Kapitel KAWAIIkrieg benannt, denn der Autor beschreibt treffend, dass es in der Welt des Kawaii nicht nur um frohe Botschaften geht, sondern hintergründig auch um knallharte Geschäftsinteressen — den bereits im Titel des Buches angedeuteten Abgründen. Persönlich habe ich mich gefreut, dass auch das Dreiergespann aus Shinjo-kun, Chiitan und John Oliver Erwähnung findet — eine wahrhaft epische Schicksalsgemeinschaft, von der ich das erste Mal bei Last Week Tonight with John Oliver hörte.

Im zweiten Kapitel KAWAIIkonzern kommt der Autor dann zur Firma Sanrio, die mit dem englischen Mädchen(!) Hello Kitty eine der Ikonen der Kawaiikultur erschaffen hat. Auch hier werden wieder zwei Seiten beleuchtet. Die fröhliche, helle Welt der besagten Hello Kitty und im Gegensatz dazu die etwas ernstere, dunklere Welt der Kuromi oder Aggretsuko, die sogar auf Netflix ihre eigene Serie hat. Wer nichts mit Hello Kitty anfangen kann, der wird wohl spätestens bei der aggressiven Retsuko etwas finden, womit man sich auch im Leben als Erwachsener identifizieren kann — sei es der Hass auf den Job mitsamt seinem Vorgesetzten, Heavy Metal und Alkohol. Aggretsuko verbindet.

Lange musste man warten, aber im dritten Kapitel KAWAIIschool ist es dann soweit: die Schulmädchen sind da. Darf einfach nicht fehlen. Treffend beschreibt der Autor, warum japanische Schulmädchen Schwergewichte der japanischen Popkultur sind: natürlich sind sie super kawaii, aber oft sind sie auch (sexuelle) Sehnsuchtssymbole für Männer. Der dritte Punkt, an den man oft nicht denkt, ist die wirtschaftliche Kraft dieser Gruppe. Der Autor wirft dabei die Frage auf, ob wir ohne japanische Schulmädchen — wenn sie denn gerade mal nicht die Welt retten — viele der heutigen digitalen Neuerungen nicht hätten. Hätten wir sicherlich schon, aber den jungen Damen haben etliche Schübe in der Entwicklung zu verdanken.

In weiteren Kapiteln werden dann die Who’s Who der Kawaiiwelt abgeklappert. Mal bekanntere, mal weniger bekannte Whos. Neben dem Tokyotoer Stadtteil Harajuku ist Neon Genesis Evangelion ebenso dabei wie das Arschgesicht Oshiri Tantei, die Idolgruppe AKB48, Purikura und Anpanman. Und viele weitere Phänomene, die man naturgemäß entweder maßlos vergöttert oder abgrundtief verachtet und nichts dazwischen.

Fazit
Als mir das Buch zur Vorstellung angeboten wurde, grübelte ich erstmal eine Weile. Ich komme zwar ständig in Kontakt mit der Kawaiikultur — lässt sich nicht vermeiden — aber möchte ich wirklich ein Buch darüber lesen? Ich kann mit Cosplay nichts anfangen! Jetzt bin ich darüber froh, es gelesen zu haben. Auf 198 Seiten führt der Autor Andreas Neuenkirchen fundiert auf interessante Art und Weise in den Themenkomplex der Kawaiikultur ein und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Auch persönliche Einwürfe werden dem Lesen ohne jedwede Art von Scham dem Leser vorgeworfen. Man leidet schon förmlich mit, wenn man die Geschichte vom verwehrten Hello-Kitty-Flammenlöscher liest.
Kawaii Mania — 198 Seiten, die man leider zu schnell ausgelesen hat und nach deren Lektüre man anschließend schlauer ist, ja vielleicht sogar wieder etwas mitreden kann, wenn man selbst nicht mehr zu den Jüngsten gehört.

Danke fürs Lesen!

Transparenzhinweis

Diese Seite kann Werbung und Affiliatelinks (Werbelinks, "Sponsors") enthalten. Entweder sind diese direkt als solche bezeichnet oder mit einem Gradzeichen ° markiert. Für den Leser sind diese Links in keinster Weise nachteilig. Die Nutzung unterstützt den Betrieb von JAKYO und hilft dabei, das Angebot kostenlos zugänglich zu erhalten. Mehr dazu in der Datenschutzerklärung.

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich zu: